Noch regieren Nazis auf Straßenschildern

Die Korrektur antisemitischer Straßen-Umbenennungen ist nicht „notwendig“, schrieb Bremens Bauverwaltung 1984 der Urenkelin von Emanuel Stern. Nun will Bausenator Eckhoff einlenken und dem einstimmigen Votum des Beirates folgen.

Bremen taz Bremens Bausenator Jens Eckhoff (CDU) will vor dem Jahreswechsel „Altlasten“ vom Tisch bekommen. So schickte er gestern an die Ortsämter Burglesum, West und Schwachhausen einen Brief. Es gebe in den Stadtteilen Straßen, teilte er mit, die vom Bremer Senat in der Nazizeit aus antisemitischen Gründen umbenannt worden sind, und er wolle „anregen“, sie rückzubenennen. Die Ortsamtsleiter sollten bitte die Beiräte mit der Sache befassen und die betroffenen Anwohner fragen.

Anfang November war das Bauressort da noch anderer Ansicht. Denn der Beirat Schwachhausen hatte einstimmig schon im Mai 2003 die Rückbenennung der „Eupener Straße“, einer kleinen Nebenstraße der Schwachhauser Heerstraße, beschlossen. Nach dem neuen Beirätegesetz fällt das Recht, örtliche Straßen zu benennen, in die Kompetenz der Beiräte. Aber der Bausenator hat die Rückbenennung nicht vollzogen, er wollte sich mit einem Senatsbeschluss dafür Rückendeckung holen. (taz 1.11.2004) Die Begründung: Da auch andere Beiräte auf die Idee kommen könnten, ihre von den Nazis umbenannten Straßen zurückzubenennen, handle es sich um eine Angelegenheit von „überörtlichem“ Interesse, die nicht mehr in der Kompetenz des Beirates liege.

Der Senat folgte dem Bausenator nicht, da die SPD-Fraktion sich quer stellte, und forderte eine Behandlung in der Deputation. Nun will das Bauressort allen drei betroffenen Stadtteilen die Chance geben, über die mögliche Rückbenennung zu beraten. Der Fall der Eupener Straße hat dabei eine besondere Geschichte, die der engagierte Arzt Wolfram Seibert, der SPD-Mitglied im Beirat Schwachhausen ist, in den Bremer Archiven zusammengetragen hat (siehe sein Text unten). Schon 1934 hatte der Bremer Kaufmann Koenenkamp, ein Deutschnationaler, sich an den Bremer Senat gewandt und die Umbenennung der „Emanuel“-Straße mit einer antisemitischen Argumentation gefordert. Die Bauverwaltung lehnte mit der Begründung ab, dass Emanuel ja ein Vorname wie andere sei und der jüdische Bezug auf Emanuel Stern im Volk nicht bekannt sei. Koenenkamp legte nach mit der Begründung, dass Emanuel einen Bezug habe auf den „Gott der Juden, der ja leider auch der biblische Gott der Christen ist“ (siehe Ausriss). Die Bauverwaltung lehnte 1934 abermals ab.

Erst 1938 fand dann die Umbenennung statt. Die Bauverwaltung hatte den lokalen Namen „Auf den Dingstücken“ vorgeschlagen, handschriftlich ist von höherer Stelle dann in den Akten „Eupener Straße“ verfügt worden. Zwei Jahre später rückten die deutschen Truppen in der damals belgischen Stadt ein, die das Deutsche Reich durch den Versailler Vertrag verloren hatte.

1983 hatte sich die Urenkelin von Emanuel Stern, Ursula Weimersheimer, an den Bremer Senat gewandt und um die Wiederherstellung der Ehrung ihres Urgroßvaters gebeten. Der Bremer Senat lehnte das mit der Begründung ab, die Belastung und die Nachteile für die Anwohner stünden dagegen (siehe Ausriss). Nur „notwendige Umbenennungen“ seien kurz nach dem Krieg vollzogen worden, nun würden „grundsätzlich“ in Bremen keine Straßen mehr umbenannt.

In der Tat hatte die „Eupener Straße“ 1945 zeitweise auf einer Liste rückzubenennender Straßen gestanden. Dann kam ein Erlass der US-Militärverwaltung, dass Namen mit militaristischem und Nazi-Bezug zu korrigieren seien. Die „Hermann-Göring-Straße“ fiel darunter, die wieder Friedrich-Ebert-Straße heißen sollte. Vor der Machtergreifung der Nazis hieß der vordere Teil schon so, der hintere Teil zum Flughafen hieß „Rathenau-Straße“. Die Rückbenennung der aus antisemitischen Motiven getilgten Straßennamen, so muss man das Schreiben der Bauverwaltung interpretieren, erschien nicht „notwendig“.

Bis Seibert Ende der 90er Jahre in einem Bildband ein Luftbild des Stadtteils, in dem er selbst wohnt, entdeckte und eine Unterzeile der Autorin Christine Spiess, die an die Namensproblematik erinnerte. Zunächst hielt er das für undenkbar, erzählt Seibert, und forschte nach den Akten. Das Ergebnis war überraschend: Im Unterschied zu anderen Großstädten wurde in Bremen keine einzige der aus antisemitischen Gründen vollzogenen Umbenennungen korrigiert. Der Beirat organisierte eine Befragung der Anwohner, Altbürgermeister Hans Koschnick übernahm die „Schirmherrschaft“ der Rückbenennungs-Initiative, eine Schülergruppe des Ökumenischen Gymnasiums engagierte sich im Rahmen eines Projektes bei dem Thema und stellte es auch in der „Nacht der Jugend“ vor – es nützte nichts, 14 von 15 Anwohnerparteien sprachen sich gegen eine Rückbenennung aus.

Der Beirat ist an das Votum der Betroffenen aber nicht gebunden und erneuerte im September 2004 seinen Beschluss. Offenbar will der Bausenator nun einlenken. “

taz Bremen Nr. 7550 vom 28.12.2004, Seite 17, 177 Zeilen (TAZ-Bericht), kawe